Wie kann eines der größten Kohlekraftwerke zu einem zukunftsorientierten Industriestandort werden?
Kraftwerk Frimmersdorf
De Zwarte Hond entwickelte den städtebaulichen Plan für das Kraftwerk Frimmersdorf. Die außergewöhnliche Lage im Rheinischen Revier – nah an den Metropolen Düsseldorf und Köln –, die unmittelbare Nähe zum Naturraum der Erftauen und der identitätsstiftende Gebäudebestand machen Frimmersdorf zu einem auf europäischer Ebene einzigartigen Standort für eine zukunftssichere, nachhaltige Gebietsentwicklung. Heute beeindruckt das ehemalige Kraftwerk mit seiner enormen Größe und räumlichen Wirkung. Lange gerade Straßen und imposante Industriebauten bilden eine spannungsreiche räumliche Komposition. Trotz des Rückbaus eines Großteils der technischen Anlagen wird der Ort auch als zukünftiger Gewerbe- und Digitalpark dank der Wechselwirkungen zwischen Weite und monumentaler Größe und zwischen Alt und Neu außergewöhnlich bleiben. Der städtebauliche Rahmenplan gliedert das Gelände in fünf Teilgebiete, die sich im Hinblick auf die zeitliche Abfolge von Entwicklungsschritten, Größenordnungen, mögliche Nutzungen und das Vorhandensein denkmalgeschützter Gebäude und Strukturen voneinander unterscheiden. Das Kraftwerksgebäude mit der 550 Meter langen Maschinenhalle bildet die Ausgangsbasis der städtebaulichen Entwicklung. Es umfasst die Kraftwerksblöcke A bis N. Aus denkmalpflegerischer Sicht sind vor allem die Blöcke A bis D als Beispiel für die frühe Entwicklungsphase der industriellen Energieerzeugung auf Basis von Steinkohle besonders wertvoll.
Im Fokus stehen einerseits diese größtenteils erhaltenen Blöcke und andererseits die Veranschaulichung des gesamten „Weges der Kohle“. Das städtebauliche Konzept wurde vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz, von der Starke Projekt GmbH und vom Land Nordrhein-Westfalen unterstützt.
data
- Ort
- Grevenbroich, DE
- Umfang
- 68 ha
- Auftraggeber
- Stadt Grevenbroich, Starke projekte GmbH
- Disziplin
- Städtebau, Strategie
- Programm
- Gewerbe & Büros, Masterplanung, Urbanisierungsstrategie
- Periode
- 2023-2024
- Status
- In Entwicklung
- Fotografie
- Onur Can tepe
- Themen
Frimmersdorf (Grevenbroich)
Kraftwerk
1925/26: Bau des Kraftwerks Frimmersdorf I durch AEG mit einer geplanten Leistung von 60 MW. © RWE Bildarchiv
1953: Bau des Kraftwerks Frimmersdorf II als Nachfolger mit 2 Blöcken (2×100 MW). © RWE Bildarchiv
Das Kraftwerk Frimmersdorf und das Rheinische Revier
Mit dem Kohleausstieg bis 2030 vollzieht sich im Rheinischen Revier ein tiefgreifender Wandel. Die Kraftwerke Frimmersdorf, Neurath und Niederaußem, die Entwicklungen um Garzweiler und viele ehemalige Bergbaustandorte prägen den Charakter der Region und stehen zugleich im Zentrum ihrer Transformation. Das Kraftwerk Frimmersdorf – einst eines der größten Kohlekraftwerke Europas – nimmt in diesem Transformationsprozess eine besondere Rolle ein.
Die Landschaft und die wirtschaftliche Wertschöpfungskette der Region werden sich in den kommenden Jahren grundlegend verändern. Es wird nicht mehr den einen dominanten Wirtschaftszweig geben, sondern es entstehen neue Funktionen, neue Akteure und neue Formen der Wertschöpfung. Das mittlerweile stillgelegte Kraftwerk Frimmersdorf wird sich in den kommenden Jahren in einen zukunftsorientierten Gewerbestandort verwandeln und damit eine Schlüsselrolle im Strukturwandel der Region übernehmen.
Thomas Römer OpenStreetMap
Der Weg der Kohle
Kraftwerk Frimmersdorf ist nicht nur ein Standort, sondern eine Landschaft mit vielschichtiger Geschichte und komplexen Nutzungszusammenhängen. Abraumhalden, Tagebaue, Schornsteine und Kühltürme prägen bis heute das Bild des Rheinischen Braunkohlereviers, in dem Infrastruktur, Produktionsprozesse und Landschaft untrennbar miteinander verknüpft sind.
Der „Weg der Kohle“ [Jv2.1]bestimmt die räumliche Struktur dieses Ortes. Vom Tagebau Garzweiler führte ein circa drei Kilometer langes Förderband zu den Kohlebunkern I und II, die eine kontinuierliche Zufuhr zum Kraftwerk sicherstellten. Von dort wurde die Kohle über ein zweites Förderband zu den Kesselhäusern transportiert, wo sie verbrannt wurde, um bis zu 130 Tonnen schwere Turbinen anzutreiben. So erzeugte Frimmersdorf Strom für bis zu zwei Millionen Menschen.
Diese Landschaft verändert sich nun grundlegend. Kühltürme verschwinden, Maschinenhallen werden teilweise zurückgebaut und aus ehemaligen Tagebauen werden große Seen. Was bleibt, sind robuste Strukturen, gut erschlossene Flächen und ein geschichtsträchtiger Ort.
Minister Scharrenbach und Projektpartner präsentieren die Zukunftsvision für das Kraftwerk Frimmersdorf.
9 Entwicklungsziele
Eine Analyse war die Ausgangsbasis für gezielte Gespräche mit Fachabteilungen, Stakeholdern, Planer:innen und politischen Entscheidungsträger:innen über die unterschiedlichsten Themen und Maßstabsebenen. Auf Grundlage der Ergebnisse wurden neun Entwicklungsziele formuliert, die der Transformation des Gebiets den Weg weisen. Zusammengenommen bilden die neun Ziele ein robustes und zugleich flexibles Gerüst, das auf unterschiedliche Marktaspekte und Entwicklungsszenarien reagieren kann. Aus ihnen leitet sich der räumliche Strukturplan ab, der die Ziele in konkrete Teilgebiete, Baufelder und öffentliche Räume überträgt.
Strukturplan
Der Strukturplan
Räumlich beeindruckt das Gelände durch seine enorme Weite und die außergewöhnliche Größe der Industriebauten und der technischen Anlagen.
Lange gerade Straßen und imposante Industriegebäude bilden eine spannungsreiche räumliche Komposition. Trotz des Rückbaus eines Großteils der technischen Anlagen wird der Ort auch als zukünftiger Gewerbe- und Digitalpark dank der Wechselwirkungen zwischen Weite und monumentaler Größe und zwischen Alt und Neu außergewöhnlich bleiben.
Der städtebauliche Rahmenplan gliedert das Gelände in fünf Teilgebiete, die sich im Hinblick auf die zeitliche Abfolge von Entwicklungsschritten, mögliche Nutzungen, Größenordnungen und das Vorhandensein denkmalgeschützter Gebäude und Strukturen voneinander unterscheiden.
Eine identitätsstiftende, multifunktionale, öffentliche Mitte
Die sechs Kühltürme, die Aschewasser-Klärbecken, das Kühlwasser-Pumpenhaus, die bis zu fünfzig Meter hohen Blöcke und die bestehenden Rohrleitungstrassen bilden eine eindrucksvolle Kulisse für eine lebendige öffentliche Mitte mit überregionaler Anziehungskraft.
Die Flächen in der Umgebung der Bestandsstrukturen und -bauten und die benachbarten Neubauten bieten Raum für die unterschiedlichsten öffentlichen und privaten Nutzungen. Dort trifft Zukunft auf industriekulturelles Erbe.
Selbstfahrende Shuttles können von Gästen und Mitarbeiter:innen auf dem Gelände genutzt werden. Das öffentliche Zentrum bietet Raum für Veranstaltungen, Pausen und Treffen außerhalb der Arbeitszeiten in einer von Industriegeschichte geprägten Umgebung.
2024
2025-2028
2030
2035+
Fünf Teilgebiete
Ab 2025 erfolgt der Rückbau auf den Nord-, West- und Ostflächen, die voraussichtlich vor 2030 wieder genutzt werden können. Auf der Nordfläche (XL) wird ein neues Rechenzentrum realisiert werden. Südlich davon bildet der Landschaftspark eine Grünverbindung zwischen der Erft und der Vollrather Höhe.
Auf der Westfläche werden mehrere denkmalgeschützte Gebäude und Strukturen erhalten. Die aus denkmalpflegerischer Sicht besonders wertvollen zentral gelegenen Bestandsstrukturen werden in Zukunft das öffentliche Herzstück des Gebiets bilden. Die Flächen in der Umgebung der Bestandsbauten und -strukturen bieten Raum für öffentliche und private Nutzungen. Mit dem Denkmalpfad, realisiert vom LVR, wird der „Weg der Kohle“ [Jv4.1]veranschaulicht. Darüber hinaus bietet die Westfläche große flexible Entwicklungsflächen (M–L) und kleinere Grundstücke an den Erftauen (S).
Das Kraftwerkgebäude wird erhalten und umgenutzt. IT-NRW eröffnet in Teilen des Gebäudes ein Rechenzentrum und die Maschinenhalle wird zum Arbeitsort für die Digitalbranche. Die benachbarten Flächen der ehemaligen Kesselhäuser bieten zudem Raum für weitere Rechenzentren.
Die Ostfläche erfüllt mit Parkeinrichtungen und Mobilitäts-Hubs in unmittelbarer Nähe des Kraftwerkgebäudes unterstützende Funktionen.
Auf der Südfläche wird RWE in Teilbereichen voraussichtlich bis Anfang der 2030er Jahre weiter tätig sein. Die bestehenden Hallen werden erhalten und bieten auch in Zukunft Nutzungsmöglichkeiten für vielfältige Zielgruppen.
Eine neue Sicht auf das Industrieerbe: anpassungsfähig, vernetzt und zukunftsorientiert















